Friluftsliv bei Aure

Wie angekündigt wurde das Wetter am Freitag besser und wir wachten bereits bei Sonnenschein mit vereinzelten Wolken auf. Ich entschloss mich nach einem erneuten Blick auf die Wetterkarte, die für Samstag und Sonntag noch besseres Wetter versprach, zu einer zwei-tägigen Wanderung. Da ich einen Weg von Vinjeøra nach Aure gefunden habe, der sich auf etwa 30km durch den Fjell (norwegisch für Berg) zog, wäre diese Strecke auch aufgeteilt auf 2 oder 3 Tage zu viel für Müsli. Für mich wäre diese Strecke aber für einen ersten „Versuch“ recht optimal – nicht zu lange, nicht zu viele Höhenmeter, gut markierter Weg (ich wollte einen Abschnitt des Weitwanderweges Fjordruta gehen). Außerdem würde ich nur wenige Kilometer südwestlich von Kyrksæterøra starten. Konstantin kümmert sich also bis ich wieder zurück bin alleine um Müsli und ich kann unbesorgt losziehen.

Nach dem Mittag war es dann soweit: Mein Rucksack war gepackt, das Zelt, der Schlafsack und die Isomatte verstaut, die Schuhe geschnürt. Los ging es!
Ich war tatsächlich einigermaßen aufgeregt, wie es werden würde, so komplett auf mich gestellt zu sein. Mein Equipment hatte ich zwar schon mehr oder weniger ausführlich testen können und ein bisschen Campingerfahrung hatte ich auch. Wilde Tiere würden dort oben wohl keine sein. Aber dennoch wusste ich nicht, ob ich einen geeigneten Schlafplatz finden würde, ob es sehr kalt würde, oder ob ich mich nicht vielleicht sogar bei einem unvorsichtigem Schritt verletzen würde…
Zunächst ging es gut bergauf. Der Weg versprach bereits jetzt gut matschig zu sein – eigentlich kein Wunder bei dem Regen der letzten Tage, aber damit hatte ich irgendwie schon mal eher nicht gerechnet. Bei meinen Höhenmetern wurde ich immer mal wieder von einem Regenschauer begleitet, aber das war halb so wild. Nach einer anfänglichen „Wutphase“, wie man so einen Weg als Weitwanderweg ausschildern konnte und warum hier alles so matschig ist, nahm ich die Situation irgendwann hin, verabschiedete mich von meinen trockenen Füßen und lief einfach drauf los. Das war aber auch nicht sonderlich zufriedenstellend, da durch die Nässe an und in den Schuhen zusätzliches Gewicht getragen und die Schritte trotzdem mit Bedacht gewählt werden mussten, um nicht gleich der Länge nach da zu liegen. Immerhin waren meine Socken und Schuhe in der Lage das eindringende Wasser recht zügig aufzuwärmen und so bekam ich immerhin keine kalten Füße (ein ausführlicherer Blick in die Karte hätte mir schon zu Hause verraten, das einige Abschnitte in moorigen Gebieten verlaufen… Naja!)

Meinen Schlafplatz habe ich dann (endlich!) nach etwa 10km gefunden. Eigentlich hatte ich schon fast die Hoffnung aufgegeben, da alles so matschig war. Aber dann kam ein kleiner Abschnitt, auf dem bereits der Pfad einigermaßen trocken war. Links davon war eine kleine Anhöhe, die weitestgehend eben war und mein Zelt auch richtig im Wind stehen würde. Nachdem ich doch schon gut fertig war, ließ ich mich nieder. Das Zelt und das Bett waren rasch bereitet, allerdings bekam ich wohl meine Füße nicht mehr schnell genug trocken, sodass diese mich relativ häufig wecken sollten, da sie so kalt waren. Mein Schlafsack hielt mich aber ansonsten schön warm.
Die Sonnenstrahlen am nächsten Morgen halfen meinen Füßen ein bisschen, warm zu werden. Tatsächlich wurden sie in den (von gestern leider immer noch) nassen Socken und Schuhen nach den ersten Schritten wieder richtig warm. Nach kurzem Frühstück und Zusammenbau meines kleinen Lagers ging es weiter.

Am Samstag war das Wetter ein Traum. Die Sonne begleitete mich den ganzen Tag über. Da ich über der Baumgrenze war, wärmte sie mich auch stets. Der Wind hier oben ist dennoch einigermaßen frisch. Ich kam vorbei an einigen Seen, durchlief mehrere Hochebenen und sah hier und da eine Hütte. Zwei DNT-Hütten (Art Selbstversorgerhütten) lagen auf meinem Weg. Die erste passierte ich zur Mittagszeit, von da an waren es noch etwa 20km bis nach Aure. Da ich noch keinen großen Hunger hatte, wollte ich erst später Mittagspause machen. Ich nahm noch den ein und anderen Höhenmeter mit und stieg gegen 14 Uhr nochmals ordentlich auf, ehe ich an einer Passhöhe Rast machte und mich etwas stärkte.
Tatsächlich lief es heute weitaus besser als gedacht. Die Matschproblematik hielt nach wie vor an, aber wir arrangierten uns. Als ich wieder aufbrach, überlegte ich hin und her, ob ich nochmals eine Nacht im Berg blieb oder versuchte die restlichen 17km „nach Hause“ zu laufen. In Aure würde Konstantin und Müsli auf mich warten. Die Wege nach meiner Mittagspause wurden zusehends steiniger und damit trockener – ich konnte nochmals gut Strecke machen. Als ich bei der 2. Hütte vorbei kam (noch 10km bis Aure) war es etwa 16.30 Uhr.

Ein letzter Anstieg, der es nochmal in sich hatte, und ich entschloss mich heute noch wieder im Tal anzukommen.
Ich nutzte aber trotzdem die einmalige Sicht von hier oben auf die Fjorde im Tal und machte nochmal kurz Pause. Ein Steinadlerpärchen stürzte sich vor mir in die Tiefe um einige Augenblicke später wieder an der Felswand empor zu steigen. Irgendwo im Hintergrund fuhr ein Schiff den Fjord entlang und hinterließ eine weiße Spur im ansonsten dunkelblauen Wasser. In der Ferne blökten Schafe und ich konnte ihre Glocken läuten hören. Die Wärme der Sonne und der kühle aufsteigende Wind sorgten für eine optimale Temperatur.

Blick über die Fjorde bei Aure

Ich riss mich los und machte mich an den finalen (wieder überwiegend matschigen) 7km langen Abstieg nach Aure. Auf dem Weg nahm ich nochmals Kontakt mit Konstantin auf. Er würde in Aure einen Parkplatz für Lotte suchen und mir dann entgegenkommen. Tatsächlich war ich über etwas Gesellschaft schon nach diesem einen Tag froh! Unterwegs traf ich nur ein Pärchen, das mir entgegen kam, somit hatte ich wirklich nicht viel Kontakt zu anderen Menschen.
Auf die letzten paar Kilometer passte ich meine Route leicht an, um einfacher zu Konstantin und Müsli zu gelangen. Meine Füße und Knie schmerzten inzwischen vom vielen Laufen und dem zusätzlichen Gewicht. Ich freute mich auf auf einen einfachen Weg, bei dem man nicht jeden Schritt genauestens überlegen muss. Die letzten Meter wurden allerdings nochmals spannend, da ich durch meine Umplanung noch einen Bach überqueren musste. Aber da die Schuhe eh schon nass und der Bach nicht zu stürmisch war, war das halb so wild. Wenige hundert Meter später sah ich die beiden. Müsli freute ich wie verrückt und ich träumte schon von trockenen Füßen.
Abends fuhren wir an einen ruhigen Fjord in der Nähe von Leira bzw. Kristiansund. Dieses Städtchen schauen wir vielleicht am Sonntag an.

Fjord bei Leira

Die Tour war trotz der widrigen Wegbedingungen sehr schön und abwechslungsreich. Ich hab definitiv Lust bekommen, ähnliche Wege nochmals zu gehen und die Natur auf diese Weise kennen zu lernen. Allerdings vermute ich, dass so hoch im Norden inzwischen schon zu sehr der Herbst einsetzt und ich entweder mit Matsch leben muss oder in südlichere bzw. besser ausgebaute Gebiete ausweichen muss. Das für Norwegen so typische „Friluftsliv“ (das Leben in und mit der Natur) macht auf jeden Fall Spaß und gibt nochmals ganz andere Eindrücke und Gedanken, wenn man nach einer langen und anstrengenden Wanderung um einen Felsen biegt und vor einem plötzlich ein wunderschöner und einmaliger Ausblick über den Fjord liegt, von dem man einfach Gänsehaut bekommt.

5 Antworten auf „Friluftsliv bei Aure“

  1. Hey, gratuliere für deinen supertollen Etappenbericht und die sehr schönen Fotos. Man darf dich/euch schon um eure tolle Reise bißchen beneiden. LG Pa

  2. Wow, ich bin begeistert. Deine Erzählkunst und Deine von Dir berichteten Abenteuer werden immer besser. Machen Lust mitzumachen. Wünsche Dir auf jeden Fall weiter tolle, begeisternden Erlebnisse und vielleicht weniger kalte, nasse Füße.

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